Ethnografische Wanderung Odro

Aussicht vom Plateau der Alp Bardughè

Aussicht vom Plateau der Alp Bardughè

Eigentlich suchte ich nur eine alternative Wanderung im Tessin, da es auf der Alpennordseite in diesem Herbst schon sehr früh bis weit runter geschneit hat. Die Wahl fiel auf den Itinerario etnografico Odro. Zum einen weil ich noch nie im Verzascatal gewandert bin, zum anderen war ich mir sicher, dass dieses Tal noch mehr zu bieten hat, als die „Ponte dei salti“, wo an schönen Tagen Hunderte von Möchtegern-Influencern sich in komischen Posen abzulichten versuchen. Ausserdem verspricht diese Rundwanderung mehr über die in früheren Zeiten, in bitterer Armut lebenden Bergbauern und die harte Arbeit des Wildheuens heraus zu finden.

Das Buch „Die schwarzen Brüder“ von Lisa Tetzner kenne ich schon seit meiner Kindheit. Die Geschichte erzählt in eindrücklicher Weise von Armut und Kinderarbeit im Tessin des 19. Jahrhunderts. Der kleine Giorgio wird, um die Arztkosten der Mutter wegen eines gebrochenen Beines zu bezahlen, als Schornsteinfegerjunge verkauft. Der kleine Junge lebt fortan in Mailand und muss in verstopfte Schornsteine kriechen um sie zu fegen. Erst 9 Jahre später gelingt ihm die Rückkehr ins Verzasacatal.

Azienda Montana Odro

Azienda Montana Odro

Azienda Montana Odro

Auch heute noch kann man auf der Wanderung viele Steinbauten aus dieser Zeit erkennen. Viele wurden zu wohnlichen „Rustici“ umgebaut, haben aber ihr Flair dadurch nicht verloren. Hervorzuheben ist das kleine Meiensäss Odro welches damals eines der Zentren für die Gewinnung von Wildheu war.

Heute gibt es in Odro einen kleinen Bio-Landwirt-schaftsbetrieb, mit Nera Verzasca-Ziegen, welche für das Mähen der Bergwiesen besorgt sind, die so sauber gehalten werden. Die gemütlichen Unterkünfte, die in den Alpgebäuden eingerichtet wurden, und die Gastfreundschaft von Tobias Bührer und seinem Team sorgen dafür, dass man in der Azienda Montana Odro gerne Rast macht, sich verpflegen lässt oder auch übernachtet.

Viele der Produkte, wie Ziegenkäse und Wurst, sowie das Odrobier werden direkt auf dem Hof produziert. Das ist ein ideales Beispiel wie ökologisch nachhaltiger Tourismus funktionieren kann. Ein Ort der Ruhe und Gemütlichkeit wo sich gestresste Städter erholen können. Auch Kinder haben hier Freude an den Tieren und den Abenteuermöglichkeiten in der Umgebung.

Aus dieser kleinen Erkundungstour, hoch über dem Verzasacatal, wurde so ein perfektes Wandererlebnis mit wunderschöner Aussicht ins Verzascatal und Lago Maggiore.

Vogorno – Costapiana – Sponda – Corte Nuovo – Alpe Bardughé – Odro – Vogorno

Aufstieg zur Alp Bardughè

Aussicht im Aufstieg zur Alpe Bardughè

Aussicht im Aufstieg zur Alpe Bardughè

Ich bin schon am Vorabend nach Locarno gereist und habe dort übernachtet. Am Morgen fuhr ich mit dem Bus nach Vogorno wo die Wanderung startet (SBB Fahrplan, bitte hier klicken).

Anfangs verläuft der Weg durch das Örtchen Vogorno auf einer Strasse, entlang von Reben. Ich beschliesse aber Odro erst auf dem Rückweg zu besuchen und halte ich mich weiter oben links, den steilen Weg hinauf nach Costapiana. Schon bald erreiche ich einen Wald mit vielen Kastanienbäumen.

Die Weinstöcke und die Kastanie waren hier für die Menschen im Rahmen der Selbstversorgung von grosser Bedeutung. Heute ist aus dem Kastanienwald jedoch Mischwald geworden. Man kann aber immer noch alte Kastanienbäume mit mächtigem Umfang bewun

Alpe Bardughé

Alpe Bardughé

dern. Nach unzähligen Kehren erreiche ich zuerst Sponda und dann Corte Nuovo wo ich eine kurze Verschnaufpause mache.

Es geht weiter durch offenes Gelände. Ich vermisse den Schatten im Wald, denn es ist heiss an diesem Tag. Die Aussicht entschädigt jedoch. In ständigem Hin und Her bringt mich der Weg sanft aber schnell bis Pt.1523. Auch wenn das Gelände sehr steil ist, der Weg ist so angelegt, dass man dies gar nicht so stark zu spüren bekommt.

Nun jedoch wird es immer flacher und nach etwa 2.5 Stunden erreiche ich die Alpe Bardughé wo es einen Brunnen gibt. Ich bin überrascht dass es hier oben so viele ausgebaute Steinhütten hat. Dies ist aber so ein schöner Ort, dass dies nur allzu logisch ist.

Abstieg über Odro nach Vogorno

Aussicht von der Azienda Montana Odro

Aussicht von der Azienda Montana Odro

Nach einer längeren Pause, mache ich mich auf den Weg nach Odro. Anfangs ist der Abstieg nicht sehr steil. Ich erreiche einen schönen Wasserfall und danach verläuft der Weg sehr Aussichtsreich am Hang entlang. Danach, ab Pt.1392 wird es merklich steiler und ich erreiche verschiedene alte Siedlungen deren Steinbauten allmählich zerfallen.

Ich steige weiter ab und erreiche die Siedlung Sert wo es in einem kleinen Museum einiges Erfahrenswertes über das Wildheuen zu bestaunen gibt. Danach gehts weiter nach Odro. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich nicht, dass es hier eine Einkehrmöglichkeit gibt.

Zu meiner Überraschung wurde ich jedoch bald eines Besseren belehrt und bestellte ein Zitronenbier. In Odro gebrautes, herzhaftes Bier mit Ztronensirup und kaltem Quellwasser zum selber mischen. Herrlich erfrischend! Dazu habe ich ein „Plättli“ mit den Erzeugnissen des Hofs bestellt, welches ebenfalls sehr gut war. Nach einer Unterhaltung mit Tobias Bührer über seine Tätigkeit hier oben, in welcher zu Vorschein kam, wie sehr ihm die Tiere und Natur am Herzen liegen, machte ich mich auf, den weiteren Abstieg in Angriff zu nehmen. Eine Stunde später war ich wieder am Ausgangspunkt.

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